Freitag, 20. Januar 2017

13.11.2016, Hsipaw


Am Morgen stiess ich unverhofft auf einen Umzug mit Wagen, Lautsprechern und Discomusik, Trommeln wurden geschlagen, mit Schellen wurde hantiert und getanzt, die Frauen trugen meist traditionelle Kleidung. Auf den Wagen standen riesige Holzgerüste, beladen mit Decken und Kissen, mit Geschirr, mit aufgespannten Regenschirmen und weiteren nützlichen Dingen - alles symmetrisch und dekorativ arrangiert.  So hoch waren diese Gerüste, dass die Strom- und Telefonleitungen beim Passieren mit Stangen empor gehoben werden mussten, denn sonst hätte sich die sperrige Last verfangen. Man erklärt mir, dass man den Klöstern einmal pro Jahr Gaben spende, Oktober bis November scheint die richtige Zeit zu sein. Ich spazierte mit dem Zug mit, der in einem Kloster endet, wo ich eine merkwürdige Tanzszene beobachte. Ein Mann mit einem Regenschirm, einer grossen runden Sonnenbrille und einem aufgeschminkten Schnauz tanzt mit einer sehr schönen Frau. Beide haben an ihren Kleidern Geld angeheftet und laufend heftet das Publikum neue Scheine an.  Auffällig ist insbesondere die sehr körperbetonte Tanzerei, bei der die Frau mit dem Hintern wackelt, wie ich das bisher nur in afrikanischen Tänzen gesehen habe. Sehr sexy ist das, für eine doch eher prüde Gesellschaft. Das ganze wird von der Bevölkerung eifrig mit Handys geknipst und gefilmt, da falle ich absolut nicht auf. Insbesondere die zwei jungen Touristinnen, die mit dem Discowagen mitmarschiert sind und nun mit der männlichen Jugend tanzen, geben ein sehr beliebtes Sujet ab. Insgesamt scheint mir der Buddhismus so, wie er hier praktiziert wird, eine äusserst lebensfrohe Religion zu sein.

Und eine sehr verschwenderische. Ich war auch in einer Tempelanlage für Nats, wo die vielen ungeschickt gestalteten Figuren, Tiger, Elefanten und Pferde, grosszügig mit Lebensmitteln und Blumen beschenkt werden. Nats sind Naturgeister. Der burmesische Herrscher, der den Buddhismus einführte, wollte den Glauben an sie beseitigen. Die Bevölkerung hat jedoch nicht mitgemacht, das musste er schliesslich einsehen. So hat er diese Naturgeister, denen häufig auch bei Bäumen geopfert wird, einfach ins Buddhistische Personal aufgenommen, weshalb dies - für mich eh zu umfangreich - derartig unübersichtlich geworden ist, dass ich es gar nicht erst zu verstehen versuche.


Nach zwei Uhr mache ich mich auf Richtung Sunset Hill. Auf dem Hügel steht ein Kloster und eine Pagode, merkwürdig für mich, nicht wirklich schön. Doch die Aussicht auf den Fluss, die Ortschaft und die gegenüber liegenden Berge, die ich vor zwei Tagen erklommen habe, ist überwältigend. Für den Sonnenuntergang ist es zu früh. So beschliesse ich, eines dieser merkwürdigen Götzenbilder abzuzeichnen, diesmal einen sitzenden  Buddha hinter dem sich ein Klapperschlangenkopf aufrichtet, deren Leib sich um den Sockel der Figur windet. Alsbald werde ich von Einheimischen belagert, eine Qual jedes Mal für mich, und ein Teil einer Ameisenstrasse verirrt sich in die Sackgasse meines Hosenbeins. Den Buddha anschauend ignoriere ich stoisch all dies. Nicht alle Künstler, die Werke für Pagoden und Tempel machen sind grosse Künstler, so auch ich. Die nur von.


Die Sonne sinkt, Motorräder mit jungen Leuten kommen den Hang hinauf. Es wird geplaudert, Musik aus den Handys ertönt, die Jugend vergnügt sich wie überall auf der Welt. "No alkohol, no drugs, no noise, no shoes, no spagetti shirts, no shorts, please help to keep the silence", heisst es am Tempeleingang angeschrieben. Bei Sonnenuntergang treffen die Touristenbusse ein. Ich habe Gelegenheit mit einer Reiseführerin aus Mandalay zu sprechen. Den Trump, den neuen amerikanische Präsidenten, den habe sie als kompetenten Autor von Büchern über Ökonomie - wie verhandeln und verkaufen - sehr geschätzt, der werde hier viel gelesen. Doch seine Ansichten später über andere Völker und die Frauen, die hätten sie doch sehr befremdet. - Ich gestehe ihr, dass ich vor der Wahl nichts von einem Mr. Trump wusste.

Donnerstag, 19. Januar 2017

12.11.2016, Hsipa



Heute bin ich die Umgebung von Hsipa auf eigenen Faust erkunden gegangen. Erst ein Besuch in einem alten Teakholzkloster. Das Leben der Mönche ist sehr öffentlich, die sitzen herum und um die Mittagszeit nimmt einer gerade neben mir ein Bad. Da dies sowohl Mönche wie normale Leute mitsamt ihrem umgebundenen Longyi, dem Hüfttuch tun - wobei die Frauen ihres heraufziehen und über den Brüsten knüpfen - spricht nichts dagegen.



In der Mittagshitze flüchte ich mich in den finsteren, aber gut durchlüfteten Raum des "the club terrasse", eines Touristenrestaurants mit Terrasse über dem Fluss die ich meide, denn unter den Sonnenschirmen dort hat man zwar eine prächtige Aussicht, doch ist es tagsüber viel zu heiss. Der Duthawady River, ein träger brauner Tropenfluss, fliesst  Richtung Süden, obwohl sich das Shan Plateau hier Richtung China absenkt, Hsipaw ist auf 450m gelegen.
Auf der dem Restaurant gegenüber liegenden Strassenseite steht ein Frauenkloster, aus dem plötzlich eine Gruppe Nonnen erscheint, blassrosa und orange gewandet, manchmal mit grossen Hüten, manchmal mit einer Art gefaltetem Frottiertuch über Kopf und Nacken, das nicht befestigt ist und balanciert werden muss, was die Frauen und Mädchen mit ihrem aufrechten Gang perfekt meistern. Darunter sind die Nonnen - wie die Mönche - kahl geschoren. Dies sei der Grund, meinte der Führer gestern, warum die Frauen nicht gerne ins Kloster gingen, doch einmal im Leben sollten auch sie das tun. Die Männer hingegen sollten das zweimal machen, einmal als Kind und einmal wenn sie erwachsen seien. Auf dem Land blieben sie für gewöhnlich für zwei Jahre dort, in der Stadt könnten das auch nur ein paar Tage sein. Mönche wie Nonnen ernähren sich von dem, was sie sich erbetteln. Die Männer dürfen dies täglich tun, die Frauen hingegen nur zwei Mal pro Woche, heute scheint also ihr Tag zu sein. Sie kriegen von der Restaurantbesitzerin je einen Löffel Reis und ziehen dann singend weiter. Auch Waschpulver sah ich bereits in den Schalen. - Übrigens bedankt sich nicht der Mönch oder die Nonne, sondern der Gebende, dass seine Spende angenommen wird. Er glaubt sich damit ein besseres Karma erkaufen zu können.



Dienstag, 17. Januar 2017

11.11.2016, Hsipa


Mr.Charles sei kein Amerikaner, nein, ein Einheimischer, der die anglikanische Missionsschule besucht habe und offensichtlich erfolgreich war, denn in Hsipaw scheint praktisch alles der Familie von Mr.Charles zu gehören.


Um halb acht brechen wir auf, wir sind sieben Personen, zwei Führer und das Wetter meint es gut mit uns. Kein Regen in der Nacht, bedeckt ist es, ideales Wanderwetter. Wir verlassen das Dorf auf kleinen Pfaden durch die Reisfelder und steigen schon bald auf oft rutschigem, in flachen Strecken schlammigem Boden auf eine Geländeterrasse hinauf. Selbst einen kurzen Durchstieg durch ein Felsband gibt es, doch da alles dicht bewachsen ist, wird mir nicht schwindlig. Die Gruppe marschiert rasch und die Guides wissen viel über die angebauten Pflanzen zu berichten. Sie leiern nicht einfach ihr auswendig gelerntes Programm ab, man kann ihnen Fragen stellen. Nach zwei Stunden gibt es den ersten Stop in einem Dorf der Shan, der wichtigsten Ethnie im Shan State, heisser Grüntee und getrocknete Bananensteifen werden serviert. Die Bewohner wirken etwas reserviert, doch der Guide meint, die seien eben scheu. Weiter geht es und wird immer steiler, wir wollen offensichtlich doch die Bergspitzen erklimmen, die am Morgen noch in den Wolken lagen. Es wird anstrengend, man schwitzt wie verrückt und nach weiteren zwei Stunden ein Rast in dem steilen Hang bei einer Hütte, die offensichtlich extra zur Verpflegung der Wanderer errichtet wurde. Wieder wird uns heisser Tee, dazu Wassermelonenstücke und ein grüner Tomatensalat mit Erdnüssen serviert.
Dann nochmals eine Stunde schweisstreibend aufwärts bis wir ein Dorf der Palaung, einer kleinen Ethnie, die zerstreut in den Bergen wohnt, erreichen. Ein schönes Holzkloster steht am Dorfeingang gerade hinter dem Banyan-Baum, bei dem die Naturgeister geehrt werden.  Jedes Dorf habe sein Kloster, meint der Guide. Manchmal würden die Mönche eine Weile nach Mandalay ziehen, um sich Bildung zu erwerben, doch anschliessend kämen sie zurück. Darauf betreten wir ein Dorfhaus. Hier ist auch der Übernachtungsort für mehrtägige Touren. Wir essen sehr gut, Reis mit verschiedenen Gemüsen wird gereicht, am auffälligsten sind die fein geschnittenen rohen grünen Bohnen als eine Art Salat. Der Empfang ist herzlich und wir kriegen einen Einblick in die Art, wie die Leute hier wohnen, denn der Raum im Erdgeschoss wird auch als Schlafraum genutzt. In einer Ecke steht eine etwa 2x2m grosse und 40 cm hohe Holzplattform, Decken sind am Rand gestapelt, ein Bett für die ganze Familie. Daneben eine Art Holzschrank mit Glastüren, hinter denen man die Kleider und weitere Habe der Bewohner aufgeschichtet sieht. Praktisch eigentlich, so hat man immer den Überblick was wo gelagert wird, etwas, das ich mit dem Älter- und Zerstreuterwerden vielleicht kopieren sollte. Für die Touristen ist im oberen Stock ein Schlafraum erstellt worden und neue gemauerte Toiletten - sogar mit einem Waschraum - wurden ausserhalb des Gebäudes erstellt.
Nach dem Essen gehen wir durch Teeplantagen nochmals steil bergauf bis zu einem perfekten Aussichtspunkt auf das Dorf und die umgebenden Berge. Schliesslich noch ein Rundgang durch das Dorf, recht gross ist es, 700 Einwohner, mir fallen vor allem die geräumigen hölzernen Langhäuser auf Stelzen auf, die von ganzen Sippen bewohnt werden. Anschliessend besuchen wir einen Ort wo der Tee verarbeitet wird. Aus den besten Blättern wird Grüntee gemacht, die minderen werden fermentiert. Nein, nicht zu Schwarztee verarbeitet, das werde in grossen Fabriken gemacht. Die erst kurz gekochten, dann gewalkten Blätter - der Grüntee wird anschliessend nur noch getrocknet - werden in Bottichen eingelegt und gepresst und dort 3 Monate belassen. So wird etwas wie Sauerkraut daraus.
Müde von dem erlebnisreichen Tag erfahren wir, dass wir rund 17km gelaufen sind und 750m hoch gestiegen, keine schlechte Leistung bei dem Klima. Nun gilt es, die glitschigen Wege hinunter zu kommen und dazu werden wir hinten auf Motorräder gesetzt. DIe fast 1-stündige Fahrt gehört für mich dann eher zu den unangenehmen Sachen. Steil holpert und rutscht es, man muss wirklich enormes Vertrauen in seinen Fahrer haben. Bei meinem jungen Chauffeur frage ich mich, ob er wirklich Englisch versteht, denn  er sagt "yes", wenn ich ihm sage, "bitte langsamer", lacht dann und fährt noch schneller, die Kommunikation klappt nicht ganz. So bin ich glücklich, als ich vollkommen verkrampft endlich im Hotel ankomme.







10.11.2016, im Zug





Es regnet die ganze Nacht, manchmal stärker, manchmal sehr stark, die Wolldecke, die ich im Schrank gefunden habe, brauche ich trotzdem nicht. Frühes Frühstück auf der gedeckten Dachterrasse. Ich treffe zwei junge deutsche Frauen, war also nicht der einzige Gast im Hotel. Gemeinsam brechen wir zum Bahnhof auf. Um 8 Uhr morgens warten dort vor allem Touristen. Ich wähle "upper class" auch dies noch sehr günstig, die haben das Potential der Strecke als Touristenmagnet noch nicht entdeckt, die vielen ausländischen Eisenbahnfans würden sicherlich mehr als 2 Franken für eine Halbtagesreise auf dieser historischen Strecke bezahlen. Der Zug fährt fünf Minuten zu früh ein. Die Wagen sind extrem komfortabel, die Sitze weich, riesig, unheimlich viel Platz, Liegesitze, selbst Fussstützen gibt es - doch alles leicht verlottert. Vom angekündigten Rumpeln merke ich nichts, das ist eher ein Schaukeln, man könnte davon seekrank werden. Mit 30 km oder weniger rumpeln wir durch die grün überwucherte Landschaft. Vor uns im einzigen Abteil das Sitze hat, die sich gegenüber stehen - ich werde später feststellen, dass man die Sitze sogar drehen kann - sind immer Einheimische einquartiert. Zwei Frauen praktisch über die ganze Strecke, weitere tauchen plötzlich auf, setzen sich für ein Schwätzchen, Männer ebenfalls und erst wird einmal ausgiebig gefrühstückt. Bis zum Schluss begreife ich nicht ganz, wer eigentlich mit wem reist, einzig dass die verschiedenen Getränke- und Snackhändler im Zug sich häufig zu einem Schwätzchen dazu gesellen. Ein Mann installiert eine Art Steckdose mit einem Kabel, das er über die Gepäckablage hinauf in den Ventilator windet und mit dem dort offen stehenden Stromkabel verbindet. Dann drückt er den Schalter. Erst jetzt begreife ich, dass damit eine Handyladestation geschaffen wurde, die während der ganzen Zugfahrt rege genutzt wird. Bereits im Bahnhof von Pyin U Lwin ist mir der Kasten aufgefallen, bei dem mehrere Handys gleichzeitig geladen werden können. Ohne Handy geht eben nichts mehr, selbst hier.
Velo, Zug und Pferdekutschen, all dies ist nur noch für uns Touristen oder die Armen. Wir lieben es nostalgisch. Und schreiten gleichzeitig eifrig und gedankenlos vorwärts in den Fortschritt.

Der Zug tuckert durch die Landschaft, der Regen lässt nach, kleine Dörfer, es wird Reis und viel Mais angebaut. Häufig eine Art Buschdschungel, keine Riesenbäume, das Gewächs direkt am Zugfenster wuchert dicht und wo nichts angepflanzt wurde wächst ein meterhoher gelber Korbblütler. Nach knapp der Hälfte der Strecke überqueren wir den "Goteik" Viadukt, für viele Touristen der eigentliche Grund dieses Ausflugs. Eine elegante Metallbrücke überspannt eine Schlucht, sie soll bei ihrem Bau 1910 die längste Brücke in Asien gewesen sein. Heute in schlechtem Zustand, meint der Deutsche hinter mir, offensichtlich ein Zugfan, weshalb die Brücke nur im Schritttempo befahren werde.

Am Nachmittag Ankunft in Hsipaw, meiner Endstation. In Hsipa werden Hosen und sogar Miniröcke getragen, die Kleidung ist eindeutig moderner als in Mandalay. Auch hier stehen Moschee, buddhistischer Tempel und Kirche nebeneinander und gegenüber dem Hotel repetieren Kinder stundenlang monoton Verse. "For foreigners no entrance" steht am Tor angeschrieben.
Ich bin bei "Mr. Charles" abgestiegen, er biete auch Trekkings an, lese ich. "Mr. Charles" ist die grosse Ernüchterung. Dutzende, wenn nicht hunderte von Touristen logieren hier und wollen authentische Erlebnisse haben. - Nach langem Zögern melde ich mich trotzdem für eine Tagestour an

9.11.2016, Pyin U Lwin






Ein Muezzin beginnt seinen Ruf, kurz darauf setzt ein zweiter ein, unter meinem Fenster steht ein bunter Hindutempel und die Sonne schickt mir gerade ein paar Strahlen vorbei. Ansonsten tiefe schwarze Wolken, die rund 2-stündige Fahrt durch dichten Dschungel hinauf nach Pyin U Lwin, "Pie-u-le" ausgesprochen, führte durch Nebel und letzte Tropfen, in der Nacht gab es  einen richtigen Tropenregen. In der "Peacock" Lodge, einem angenehmen  Familienbetrieb, organisiert man mir einen Fahrer. Der junge Chauffeur fährt konzentriert, aber schnell, das Auto ist gut, aber trotzdem bin ich auf dieser Bergstrecke ein paar Mal gestresst. Wir sind auf der Hauptstrasse Richtung China, riesige stark und manchmal auch noch schief beladenen Lastzüge kämpfen sich die Kurven in die Berge hinauf, zum Glück sind die Fahrspuren meistens richtungsgetrennt. Wie eine Autobahn darf man sich das aber nicht vorstellen, nur einspurig geteert, oft winden sie sich in beträchtlicher Distanz zueinander die Hänge hoch, manchmal von Schutt und Schlamm bedeckt, der starke Regen, manchmal Löcher, Hunde und Menschen darauf. Die Berge wirken wenig schroff, vielleicht der dichte Bewuchs, der alles verhüllt, zwischendurch schiesst ein kleiner brauner Wasserfall hervor, Pyin U Lwin schliesslich liegt auf 1100m. Ich habe mich im "Bravo" Hotel im 5.Stock einquartiert, sehr steile Stufen, zum Glück wurde mir der Koffer hochgetragen. Ich stelle die Klimaanlage ab und öffne die Fenster. Von unten dringt dumpf der laut hupende Verkehr empor.

Den ehemals Britischen Bahnhof finde ich leicht.  Ein einstöckiges rotes Backsteingebäude,  die Geleise sind überwuchert, zwei Züge kommen hier täglich vorbei, einer um 8:20 Richtung Lashio, also China, der andere um 4 Uhr nachmittags zurück nach Mandalay. Ich esse eine Suppe in einer dieser halboffenen Garküchen, Nudeln mit einer Art Cracker, der hinein gebröselt wird, Tofu und hartem Ei nach Wahl. Dazu werden Limettenschnitze gereicht und frischer Koriander und getrockneter Chili oder Fischpaste. Essstäbchen werden hier kaum gebraucht, ein Löffel nur, man schlabbert die Teigwaren aus dem Schälchen direkt in den Mund.

Trump habe gewonnen, sagt mir der ältere Mann, als ich an die Glastüre des "Orchid Hotels" klopfe, der Fernseher läuft, welch ein Schreck, da sind wir uns einig. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Wahlen die Leute bis hierher bewegen und nein, leider könne ich nicht bei ihm übernachten, er habe keine Lizenz für Ausländer. Praktisch in jeder Strassenecke gibt es hier ein Kaffee, manchmal unter Blachen auf Plastikstühlen, manchmal in einem Gebäude mit gegen die Strassen zu offenen Wänden und Holzstühlen wie hier, häufig mit Fernseher ausgestattet. Ich denke, dass all diese Männer wegen den Wahlen in den Kasten glotzen, aber nein, es handelt sich um einen Abenteuerfilm. Zeit scheinen hier viele ganztags zu haben.
Ich schwitze selbst hier, bei dampfigen 22 Grad, doch angenehmer ist es schon als in Mandalay. Ein langer Spaziergang führt mich an verfallenden Kolonialhäusern in dicht überwucherten Gärten vorbei und an vielen Neubauten aus Beton und Ziegelstein. Die Zeit der Holzhäuser und Häuser aus geflochtenen Bambusmatten scheint auch hier vorbei zu sein, wer genug Geld hat, der baut sich ein massives Haus. Und so ruhig, wie in meinem Reiseführer beschrieben, ist Pyin u Lwin auch nicht, Pferdekutschen hat es nur wenige, Motorradtaxis auch hier. - Das Städtchen ist auffällig sauber und gut organisiert, die Gehwege bleiben für die Fussgänger frei. Ein Erbe der Zeit als britische Garnisonsstadt? Die Bevölkerung ist stark durchmischt. Chinesen und Inder. Ein alter europäisch aussehender Mann spricht mich in gutem Englisch an. Ehemaliger Gurkha sei er, Soldat einer nepalesischen Elitetruppe, bereits hier im Ort geboren. George Orwell lässt grüssen. Und plötzlich kommen Erinnerungen an die Philippinen hoch. Das müssen die zerfallenden kolonialen Holzbauten sein.

Ich suche das "Golden Triangle" Cafe, im Reiseführer viel gelobt, doch wie oft bei Empfehlungen, sehe ich dort, wo es sein sollte ein Baugerüst, so gehe ich zu einem nicht kommentierten Chinesen. Das Lokal ist nicht perfekt golden-chinesisch, ich würde es als bergchinesisch bezeichnen. Grüne Holzwände, bereits etwas verblasst und fleckig, mit Backsteinnischen. Bilder von Abstraktem über Schiff bei Sonnenuntergang zu übergrossen Kirschblüten, der Elektrizitätszähler wurde aprikofarben bemalt, die davon weglaufenden Röhren knallblau, an der weissen Decke hängen rasterartig verteilt dunkelblaue stilisierte Blüten, alles zeugt von grossem Gestaltungswillen, charmant irgendwie trotzdem.
Zurück im Hotel nervt mich nicht der Verkehr, der verstummt rasch am Abend, sondern die vielen Hunde, die unten in den Häusern gehalten werden und offensichtlich ihr Revier gut verteidigen. Und plötzlich fällt der Strom aus, und der Regen tropft wieder schwer auf die Blechdächer.

6. - 8.11.2016, auf der RV Mandalay

Die Reise auf dem Schiff RV Mandalay will ich vor allem mit Bildern beschreiben, denn zum Schreiben kam ich damals nicht. Das Programm war dicht, die Mannschaft hat sich Mühe gegeben, nur blieb so wenig Zeit für eine meditative Betrachtung der vorbeiziehenden Flusslandschaft und der darauf schwimmenden teils abenteuerlichen Gefährte, die Fahrzeiten waren zu kurz. Zumal ich mit den Gästen und dem Teil der Besatzung, mit dem Verständigung möglich war, viel geschwatzt und getrunken habe. Etwas gar viel Alkohol.




Als erstes fuhr die RV Mandalay von der Stadt hinüber nach Mingun. Sonnenuntergang vor Mingun, bei einer Sandbank wurde geankert und übernachtet. Am nächsten Morgen Besichtigung von  Mingun. Für mich gibt es zuerst einen Besuch bei der Schneiderin, denn ich will mir aus zwei Stoffen Longyis, Wickelröcke - in den Tropen das bequemste Kleidungsstück überhaupt - nähen lassen. Eine Angestellte des Schiffes, die etwas Englisch spricht, führt mich dorthin. Anschliessend besichtige ich die Sehenswürdigkeiten, man ist sich Touristen gewohnt, das ist offensichtlich, die Verkäufer sind aufdringlicher als anderswo und unfreundlich, wenn man auf ihre Angebote nicht eingeht.





Mantara-Gyi Paya. Die Bauarbeiten an der riesigen Stupa wurden 1819 eingestellt. Später verunmöglichte ein Erdbeben einen Weiterbau. Sie soll das grösste jemals massiv aus Ziegelsteinen errichtete Bauwerk sein. Stupas werden aus Ziegelsteinen errichtet und anschliessend verputzt und bemalt.

Die Hsinbyume Paya verkörpert in der buddhistischen Kosmologie den Weltberg Meru.

Um die Mittagszeit fahren wir nach Inwa, einer weiteren historischen Stätte, ich will die Insel mit einem der Velos des Schiffes erkunden. Das ist keine gute Idee, denn die Wege sind nach der Regenzeit morastig, ein Durchkommen ist mühsam, zumal die übrigen Touristen in Pferdekutschen unterwegs sind, was die Fahrbahn arg in Mitleidenschaft gezogen hat. So verlasse ich möglichst rasch die viel befahrenen Pfade, komme ebenfalls an Ruinen vorbei und an schönen Sumpflandschaften und Dörfern, jedoch offensichtlich nicht ganz denselben, die Insel ist weit grösser als das aus meinem rudimentären Plan ersichtlich war. So merke ich irgend einmal, dass ich mich gänzlich verfahren habe und versuche die Einheimischen nach dem Weg zu fragen, doch mit der Verständigung hapert es. Als es bereits dunkel wird finde ich endlich eine Frau, die versteht, und mir mit ihrem Motorrad bis zur Anlegestelle voraus fährt. Ich bin sehr froh um diesen Dienst und möchte ihr etwas geben, doch die Frau nimmt das Geld nicht an.


Anschliessend Weiterfahrt Richtung Mandalay, diesmal ankern wir gegenüber der Tempelanlagen von Sagaing und verlassen das Schiff für einen abendlichen Barbecue auf der Sandbank, die romantisch mit Kerzen ausgeschmückt worden ist. Am nächsten Morgen geht es dann bereits zurück zur Anlegestelle in Mandalay

Montag, 12. Dezember 2016

5.12.2016, Nachtmarkt Mandalay

Wenn es finster wird und Bazar und Läden schliessen, ist es Zeit für den Nachtmarkt. Die fliegenden Händler räumen ihre Stände mitten auf die Strasse. Zuerst kommen die Buchhändler, die ihr Angebot gut beleuchtet auf einer Plache am Boden ausbreiten. Alles Occasionsbücher, von der Bevölkerung sehr gut besucht. Dann Stände mit Kleidern und Schuhen, bei einer Frau finde ich sehr schöne Longyis, Stoffe für Wickelkleider. Hier wird das Tuch zu einem Schlauch vernäht, so wie das in Sansibar die Männetücher auch sind, geschlungen jedoch wird es eleganter. Asiatische Frauen wünschen schlanke Silouetten. Zu den Wickelröcken werden sehr eng anliegende Oberteile getragen, was ich in der Hitze unpraktisch finde. Überhaupt die Schönheitsideale. Die merkwürdig weisse bröckelnde Paste - aus Sandelholz soll sie sein, wenn ich richtig verstanden habe - die sich Frauen wie Männer häufig ins Gesicht schmieren. Symmetrisch auf beiden Gesichtshälften sind Rechtecke oder kompliziertere Formen verteilt. In meinem Reiseführer steht, dass die Paste sowohl Sonnenschutz wie Kosmetik sei, sie soll die Haut schön machen, weshalb Burmesen selten Runzeln hätten. Auch stark abstehende Ohren, bei denen ich fast das Gefühl habe, dass die so gebunden wurden, die finde ich nicht wirklich schön.


Die Frau auf dem Nachtmarkt verkauft mir die Stoffe für 3500.- pro Stück. Und da habe ich gesten im Bazar unter den kritischen Blicken vieler Frauen gefeilscht, bis ich ein Tuch für 13'000.- bekam! Auf dem Nachtmarkt erkläre ich mit Händen und Füssen, dass ich auch noch Faden brauche. Die Frau versteht und führt mich zu einem kleinen Laden. Nach langem Suchen bringt die Besitzerin aus dem Halbdunkel, das Licht ist hier häufig sehr schlecht, auch wirklich schwarze Fadenspulen, die ich nicht einmal bezahlen darf, denn die Stoffverkäuferin will die 200 Kyat selber übernehmen. Ein schöner Abschluss des Tages. Ähnlich wie gestern der Rikschafahrer, der plötzlich aus der Dunkelheit auftauchte wie ein guter Geist. Bereits bin ich wieder in einem Zustand, wo mir sehr viel mehr möglich scheint als in der Schweiz. Die Geister, die guten wie die bösen.

Nach einem Gin Tonic, der mir nicht schmeckt, die Engländer müssten eigentlich wissen, was ein guter Gin Tonic ist - vielleicht weiss ich es nicht - gehe ich wieder hinaus. Die Trottoirs haben sich in Restaurants verwandelt, mobile Garküchen wurden aufgebaut und Tischchen und Schemel hingestellt. Ich schaue in die Töpfe und wähle etwas, das wohl Chapatis sind, sehr fettig, und dazu einen Kartoffelcurry. Der Junge, ich schätze ihn auf etwa 12-14 Jahre, deutet mir, einen Platz zu suchen und bringt mir alsbald mein Essen. Da kein Besteck dazu kommt nehme ich an, dass man mit den Händen isst und frage ihn nach "tischiu", phonetisch geschrieben, in meiner Erinnerung Swahili, und es klappt, er hat begriffen und bringt mir Servietten. Beim Bezahlen wird es etwas schwieriger, die zwei Frauen, die sich zu mir gesetzt haben, helfen, 750 Kyat meinen sie, koste es. Aha, sie sprächen Englisch, sage ich, sie darauf, ob ich allein? Ja, allein, sage ich, worauf die beiden zusammen tuscheln und kichern. Als ich frage, ob das für sie komisch sei, wollen sie nicht mehr so recht Englisch verstehen.